Harter Fall – Weiche Landung

Kapitel 1

 

Während sie in der Dezembersonne auf dem verschneiten Berghang stand, nickte Callie Anders rhythmisch zu einer ihr unbekannten Basslinie. Der schwere Groove, der aus den überdimensionalen Lautsprechern dröhnte, war der Sound von Bands, die sie nicht kannte, gespielt in Clubs, die sie nie besucht hatte.

Und es war nicht nur die Musik. Nichts an dieser Pistenparty ähnelte ihrem normalen Leben. Die Atmosphäre ähnelte mehr der eines Nachtclubs als der eines Sportevents. Mit Bier in der Hand sahen die Zuschauer, wie einer der Finalteilnehmer sein Snowboard über die Kante der Superpipe und in die steile Krümmung herab stieß. Die Schwerkraft kam dem Athleten zur Hilfe und erhöhte seine Geschwindigkeit, während sein Board in die Senke der riesigen Halfpipe und an der anderen Seite wieder hoch schoss. Wieder oben angekommen, riss der Typ seine Hüfte hoch, griff mit einer Hand an sein Board und wirbelte dann mit dem Körper in der Luft herum, um seinen Kurs zu ändern und wieder sauber im Schnee zu landen. Dann startete er erneut durch und raste die Pipe hinunter, mit nur wenigen Sekunden Zeit, um seinen nächsten Trick vorzubereiten.

Callie hatte Snowboarding schon im Fernsehen gesehen, aber live war es noch viel beeindruckender. Nachdem der Junge seinen zweiten Trick durchgeführt hatte – eine Reihe schwindelerregender Drehungen, sie schaffte es nicht, sie mitzuzählen – schien er sein Board wieder mit dem Boden zu verschmelzen. Seine Schultern entspannten sich und er nahm eine unbeschwerte Haltung an, während er weiter bergab fuhr. Als er an ihr vorbei raste, konnte Callie sogar sehen, dass er die Lippen zu dem Song bewegte, der über ihre Köpfe hinweg tönte.

Nach zwei weiteren wirbelnden Tricks beendete er seinen Lauf unter dem Johlen des Publikums. Die mit Wollmützen bedeckten Köpfe der Menge wandten sich dem gigantischen Bildschirm zu und warteten auf die Bewertungen.

„Nicht schlecht für einen Haufen Dumpfbacken“, murmelte ihr Freund Dane neben ihr.

„Ich find’s klasse“, hörte Callie sich sagen. Sie war froh, dass Dane und Willow sie zu diesem Snowboardevent mitgeschleppt hatten.“Es ist… halb Sport, halb Zirkusnummer.“

Zur Antwort schnaubte Dane nur verächtlich. Das ließ ihre beste Freundin Willow grinsen. „Er kann nicht anders, Callie. Ein Skifahrer kann nichts Nettes über Snowboarding sagen. Das liegt ihnen nicht in den Genen.“

Dane zwinkerte Callie zu. „In zwei Monaten kannst du sehen, wie richtiger Wintersport aussieht.“

„Ich kann’s nicht erwarten“, stimmte sie zu. Bis jetzt hatte sie Dane nur im Fernsehen Skifahren gesehen. Aber sie hatte bereits ihr Flugticket nach Europa zu den Olympischen Spielen gekauft, wo Dane in vier Wettbewerben um Medaillen kämpfen würde.

Wie aufs Stichwort änderte sich die Musik zu den bekannten Trompetenfanfaren der olympischen Hymne. Callies Augen wanderten zu der großen Anzeigetafel oberhalb der Superpipe, welche in riesiger Schrift ankündigte, dass als nächstes das Schaulaufen der Profifahrer anstand. Nach dem letzten Trompetenton wechselte die Musik wieder zu einem harten Beat und Callie sah, dass sich die Menge zur Musik bewegte. Als die Wollmützen und Daunenjacken begannen, auf und ab zu wippen, war es, als wäre Callie in ein sonniges, schneebedecktes Hippieland entführt worden. Eines, bei dem sie sich wünschte, sie hätte es schon vor langer Zeit besucht.

Genau genommen wünschte sie sich viele Dinge.

Wenn man neun Jahre seines Lebens damit verbringt, Ärztin zu werden, gibt es viel, das man verpasst. Den Großteil der Zeit hatten sie diese Opfer nicht wirklich gestört, aber die letzten Monate waren hart gewesen und Callie hatte sich unfassbar einsam gefühlt.

Vor fast genau einem Jahr hatte sie Nathan, ihren damaligen Freund und ebenfalls Arzt, dabei erwischt, wie er sie in einem Untersuchungszimmer mit einer jungen, langbeinigen Krankenschwester betrog. Natürlich hatte Callie den Bastard anschließend vor die Tür gesetzt. Doch zwölf Monate später waren Nathan und die Krankenschwester weiterhin zusammen und sie war immer noch alleine.

Noch schlimmer wurde es für sie, als Willow und Dane Vermont im Frühling Richtung Utah verließen und Callies Einsamkeit noch verstärkten.

Dieses Wochenende bildete eine glückliche Ausnahme, denn ihre Freunde waren in der Stadt, um sich um Geschäftliches zu kümmern. Und sie hatten Callies neuesten Lieblingsmenschen mitgebracht – ihre drei Monate alte Tochter. Die kleine Finley verbrachte die Snowboardveranstaltung schlafend in Danes Skijacke. Wenn Callie eine Hand auf Danes Schulter legte und sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie gerade so einen Blick auf die geschlossenen Augenlider des Babys erhaschen.

Callie hatte ihre Freunde zehn Wochen lang nicht gesehen, nicht seitdem sie im September nach Salt Lake City geflogen war, um das neugeborene Baby zu besuchen. In der Zwischenzeit waren Willow und Dane damit beschäftigt gewesen, in ihr neues Haus einzuziehen, sich um das Baby zu kümmern und den Wirbelsturm der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele zu überleben. In zwei Monaten würde sie sie in Europa wiedersehen. Callie und Willow würden es sich im Hotel gemütlich machen, sich gemeinsam um Finley kümmern und Dane bei seinen Rennen anfeuern.

Es war alles sehr aufregend, doch innerlich fühlte sich Callie trotzdem leer. Während sie neben ihren glücklichen Freunden stand, musste sie ungewohnte Neidgefühle unterdrücken. Willow war ein scheinbar ungeheuerliches Risiko mit einem Mann eingegangen, der unter seiner schwierigen Vergangenheit litt. Und jetzt war Willow ein Drittel der, wie die Sports Illustrated sie kürzlich beschrieb, „süßesten Familie im Wintersport.“

Und wovon genau war Callie ein Teil?

„Hey, du hast mir nie erzählt“, sagte Willow, während sie den Schnee von ihren Stiefeln stampfte, „ob du jetzt mit diesem süßen Radiologen was trinken warst?“

„Ich glaube, er trifft sich mit einer anderen“, antwortete Callie, ohne Willows Blick zu begegnen.

„Na, hast du ihn das gefragt?“, hakte Willow nach.

„Ich bin mir ziemlich sicher.“

Willow schüttelte den Kopf und stieß einen übertriebenen Seufzer aus. „Weißt du, was ich bei dir nicht verstehe?“

„Nö. Aber du wirst es mir sagen, egal ob ich es hören will oder nicht, richtig?“

„Ich verstehe nicht“, fuhr Willow unbeirrt fort, „wie du den Mumm haben kannst, jemandes Herz mit einem tausend Volt Stromstoß neu zu starten, aber deinem Herz kannst du nicht mal einen Ruck geben, um mit einem Typen was trinken zu gehen.“

„Genau genommen brauchen wir keine tausend Volt mehr. Die neuen Defibrillatoren kommen mit etwa dreihundert aus.“

„Es ist hoffnungslos mit dir.“

Das stimmte wahrscheinlich.

„Hey, ich seh den Teufelskerl!“, sagte Willow und hob eine Hand, um jemandem zuzuwinken.

Callie folgte dem Blick ihrer Freundin zu einem abgesperrten Bereich am Fuße der Halfpipe. Dort stand ein sehr attraktiver Mann im Schneeanzug, seinen Helm unter den Arm geklemmt. Die Pose erinnerte Callie an alte Fotos der Apollo Astronauten. Als der Kerl Willow entdeckte, breitete sich ein leichtes Grinsen auf seinem Gesicht aus und er hob grüßend die Hand.

„Lass uns Hallo sagen gehen“, schlug Willow vor und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

„Nach dir“, sagte Dane zu Callie. Und so folgte sie ihrer Freundin in Richtung des niedrigen Zauns.

„Du musst unbedingt Hank Lazarus kennenlernen“, sagte Willow über ihre Schulter hinweg. „Er macht viel mehr Party, als wir noch verkraften können, aber der Typ ist echt cool.“

Je näher sie kamen, desto mehr starrte Callie. Willows Freund war vielleicht echt cool, aber er war außerdem echt scharf. Seine kurzrasierten Haare verliehen ihm ein militärisches Aussehen, für welches Callie normalerweise nichts übrig hatte. Aber es wurde durch große, braune Augen und volle Lippen ergänzt. Mit seinen breiten Schultern wirkte er eher wie einFootballspieler als ein Snowboarder und sein kantiger Kiefer und das Kinn mit einem Grübchen in der Mitte waren mit zwei- oder drei Tage alten, dunklen Bartstoppeln gesprenkelt.

Als sie sich zu ihm vor arbeiteten, richteten sich seine schokobrauen Augen auf sie. Er zog eine Augenbraue hoch und Callie sah, dass sie durch ein Barbell-Piercing geteilt wurde. „Hey ihr“, sagte er mit einer tiefen und rauchigen Stimme. „Was macht ihr Kids denn in Vermont?“

Heilige Mutter Gottes. Selbst seine Stimme war heiß.

Willow umarmte ihn kurz. „Wir sind hier, um mein altes Bauernhaus zu verkaufen. Hank, das hier ist meine beste Freundin, Callie. Sie ist aus der Gegend.“

Hank streckte eine Hand aus und Callie ergriff sie. Als sich seine Hand um ihre schloss, spürte sie, dass ihre Wangen heiß wurden. Sein Gesicht war wie die Sonne – zu strahlend, um direkt hineinzusehen. Hank betrachtete sie kurz von oben bis unten, ohne sich die Mühe zu machen, dabei dezent vorzugehen. Und als er sie scheinbar augenblicklich abschrieb, war sie nicht einmal überrascht. Er war ein Typ, der in einem Paralleluniversum zu existieren schien, weit entfernt von piependen Medizingeräten und grünen Krankenhauskitteln.

Sie war beinahe erleichtert, als er ihre Hand losließ und zu Dane sah. „Wo trinken wir später?“

Doch Dane zögerte und schielte zu Willow. „Ich weiß noch nicht, was wir nachher vorhaben.“

Das Grinsen des Snowboarders wurde breiter. „Heilige Scheiße, Danger. Stehst du schon so unterm Pantoffel, dass du nicht mal einem Bier heute Abend zusagen kannst? Ich frage nochmal: Wo trinken wir später?“

Dane lachte und schüttelte den Kopf. „Ganz ruhig, Arschloch. Erstmal müssen wir sichergehen, dass das Haus, das wir seit sechs Monaten nicht mehr gesehen haben, noch steht. Solange es nicht komplett verfallen sein sollte, schätze ich, dass wir später bei Ruperts vorbeischauen können.“

Als ob sie bei der Sache mitreden wollte, gab Baby Finley ein schwaches Quäken von sich. Dane beugte die Knie, um sie sanft zu wiegen und fuhr mit einer Hand beruhigend über die Wölbung in seiner Jacke.

Hank Lazarus sah seinem Freund mit belustigter Miene dabei zu. „Na gut. Solange du von deiner kleinen Familie nicht überstimmt wirst, sehen wir uns später im Ruperts.“

„Klingt gut“, sagte Willow. „Finleys erster Ausflug in eine Kneipe.“

Der Snowboarder sah den Hügel hinauf, zum oberen Ende der Halfpipe. „Ich sollte mich besser auf die Socken machen. Dane. Ladies.“ Er verabschiedete sich mit einem sexy Nicken. „Wir sehen uns später.”

Allein die Vorstellung begeisterte Callie. Doch wahrscheinlich würde sie nicht dabei sein. Sie hatte heute Bereitschaftsdienst und das ging in der Regel nicht gut aus. Selbst wenn sie nicht ins Krankenhaus gerufen würde, könnte sie sich nicht einmal wie eine Erwachsene einen Drink genehmigen.

Ihr Leben war wirklich alles andere als glamourös.

Zumindest hatte sich ihr Pager bis jetzt noch nicht gemeldet. Der Hauptevent – das Schaulaufen der Profis – begann gleich. Die Musik wurde noch ein oder zwei Dezibel lauter und die Profisnowboarder reihten sich am oberen Teil der Halfpipe auf. Bilder der Athleten glitten über die große Videotafel über ihnen und wechselten alle paar Sekunden im Takt der Musik. Die Fotos zeigten jeden Mann in Straßenklamotten, zusammen mit ihren Statistiken und Spitznamen. Verglichen mit den feschen Skifahrern, die Callie durch Dane kennengelernt hatte, waren dies die Bad Boys des Wintersports. Es gab mehr Kinnbärte, Pferdeschwänze, Tattoos und Piercings, als in einer Motorradgang. Nicht dass Callie viel Zeit mit Motorradfahrern verbracht hätte, außer wenn sie bei ihr im Krankenhaus landeten.

Als das Bild von Hank „Teufelskerl“ Lazarus auftauchte, konnte Callie nur gaffen. Auf dem Foto war er oberkörperfrei und absolut zum Anbeißen. Er war muskelbepackt und mit Tattoos überzogen. „Olympischer Silbermedaillengewinner“, stand auf dem Bildschirm.

„Sie sagen, dass er dieses Mal Gold nach Hause bringt“, sinnierte Willow neben ihr.

Aber Callie war nicht an seinen Statistiken interessiert, sie bewunderte noch den Mann selbst. Er war Sex auf einem Snowboard und so unerreichbar für sie, dass es nicht einmal witzig war. Selbst wenn sie heute Abend in der Bar auftauchen würde, würde sie wahrscheinlich ihre Zunge verschlucken, wenn er sie ansprechen sollte.

Die Anzeige sprang zurück, um wieder den ersten Mann in der Aufstellung zu zeigen und die Menge toste. Callie sah zu, wie sich einer von Hanks Teamkollegen in die Halfpipe stürzte. Und… wow. Die luftigen Kunststücke waren auf einem komplett anderen Niveau, als bei den Fahrern, die sie zuvor gesehen hatte. Die Drehungen waren schneller und die Tricks komplizierter. Sobald er mit seinem Lauf fertig war, sprang der nächste Boarder in die Superpipe. Da die Action nicht für eine Bewertung unterbrochen werden musste, ging das Schaulaufen durchgehend weiter. Callies Blick wurde tranceartig, während die farbenfrohen Körper vor ihren Augen hochflogen und herumwirbelten.

Und dann erschien das Bild von Hank Lazarus wieder und Hank kam an der Kante der Halfpipe in Sicht, mit silbernem Helm und Skibrille auf. Callie stellte sich etwas aufrechter hin, als er seinen Lauf mit einer lässigen, selbstbewussten Körperhaltung begann. Am gegenüberliegenden Scheitelpunkt sprang er höher von der Kante ab, als es menschenmöglich erschien. Sein großer Körper ging in die Hocke und vollführte mit so lässiger Gewandtheit einen Rückwärtssalto, dass Callie überrascht die Luft einzog. Er landete den Trick sauber und seine Schultern wippten mit einer selbstsichern Lockerheit.

„So soll das also aussehen“, murmelte Dane. Und er hatte recht. Der Unterschied zwischen dem Teufelskerl und den anderen Boardern war krass.

Wieder schoss er durch die Halfpipe – sein nächster Trick war so hoch und er wirbelte mit so einer Leichtigkeit, dass die Zeit stehenzubleiben schien, während er in der Luft schwebte. Die Gesetze der Physik schienen für ihn nicht zu gelten. Die Menge jubelte, als er landete und mit Höchstgeschwindigkeit durch das Flat, den flachen Teil der Superpipe, fuhr.

Callie hielt den Atem an und fragte sich, welches Wunder er als nächstes vollführen würde. Wieder schoss er in die Höhe, packte das Board mit einer Hand und drehte sich in der Luft – einmal, zweimal und dann dreimal. In dem Moment schien sich die Szenerie zu verändern und Callie brauchte einen Sekundenbruchteil um zu realisieren, dass die Sonne hinter einer Wolke verschwunden war. Und gerade als sie dieses Phänomen wahrnahm, geschah noch etwas anderes. Das Snowboard klatschte gegen die Kante der Halfpipe, anstatt auf dem Schnee der Krümmung darunter zu landen. Da er so hoch abgesprungen war, bog die Kraft des Aufschlags das Board durch und schleuderte den Fahrer zurück in die Höhe. Hilflos sah Callie zu, wie der Schwung den Körper des Mannes durch die Luft wirbelte und ihn mit hoher Geschwindigkeit und dem Kopf voran auf das gekrümmte Eis unter ihm warf.

Und dann kam sein Helm mit einem harten Schlag zuerst auf dem Boden auf.

Callie hörte ihr eigenes, erschrockenes Keuchen. Nach einem grässlichen Aufprall glitt sein Körper das Eis hinab, in die Mitte der Halfpipe.

„Heilige Scheiße“, flüstere Dane.

Menschen eilten auf den Schnee, schnell hatte ein gutes Dutzend ihn umkreist.

Dane machte einen Schritt nach vorne, als ob er durch die Menge rennen wollte, um zu helfen. Aber Willow legte ihm eine Hand auf den Arm. „Es sind eine Menge Leute da unten“, sagte sie sanft.

Er schüttelte bloß den Kopf. „Steh auf, Mann.“

Aber Hank lag still und gekrümmt da.

Callie konnte nicht wegsehen. In ihrem Kopf spielte sich die Routine des Ersthelferverfahrens ab. Seine Vitalzeichen kontrollieren, Hals und Rücken stabilisieren. Aber dieses Mal war das nicht ihre Aufgabe. Mindestens drei der Leute unten vor Ort trugen Sanitäterjacken und außerdem konnte sie bereits die Sirene eines Krankenwagens hören. An belebten Wochenenden stand immer ein Krankentransporter am Fuße der Zufahrtsstraße zum Skigebiet.

„Als du dir das Bein gebrochen hast“, sagte Willow zu Dane, „sah es von den Rängen gesehen bestimmt auch übel aus.“

Doch Dane schüttelte den Kopf. „Verdammt. Die Olympischen Spiele.“

In seiner Jacke gab das Baby einen Protestlaut von sich. Dane wandte seinen Blick von der Unfallszene ab und beugte sich in seine Jacke, um die Kleine zu küssen. Als sie ihm dabei zusah, zog sich Callies Herz mit einem unbestimmten Gefühl der Sehnsucht zusammen.

„Sie hat wahrscheinlich Hunger“, sagte Willow. „Ich geh mit ihr rein und füttere sie.“

Dane beobachtete, wie sich ein Krankenwagen seinen Weg zum Menschenauflauf auf dem Eis bahnte, immer noch mit einem besorgten Ausdruck auf seinem Gesicht. „Ich schätze, ich komme mit“, sagte er.

Callie folgte ihnen und fischte ihren Pager aus der Hosentasche. Die Chancen, dass er heute klingeln würde, hatten sich gerade sprunghaft erhöht. Sie holte ihr Handy hervor, um sich im Krankenhaus zu melden.

„Viel los?“, fragte sie die Krankenschwester in der Notaufnahme, die ans Telefon ging. „Wenn ich Sie wäre, würde ich die Dispo für Ortho und Neuro aufrufen. Es gab eine Verletzung beim Snowboard-Event im Skigebiet. Sollte in fünfzehn Minuten bei euch eintreffen.“

„Wirst du einbestellt?“, fragte Willow, nachdem Callie aufgelegt hatte. Der Krankenwagen fuhr bereits mit wirbelndem Blaulicht in Richtung Bundesstraße davon.

„Ich bin nicht die erste, die sie anrufen müssen“, sagte Callie. „Aber ich schätze in ein, zwei Stunden könnte es soweit sein.“ Callie war Klinikärztin – eine Ärztin, die sich um die aufgenommenen Patienten und ihre medizinischen Bedürfnisse kümmerte.

„Okay“, sagte Willow, die Augen auf den abfahrenden Krankenwagen gerichtet. „Ich denke, Dane und ich werden jetzt zum Bauernhaus fahren und nach dem Rechten sehen. Dann kommen wir im Krankenhaus vorbei und schauen, ob wir etwas erfahren können. Vielleicht gibt es dann ja schon Neuigkeiten. Wir kennen ihn nicht allzu gut, aber…“ Sie schluckte. „Das sah übel aus, oder?“

„Ja“, gab Callie zu. Die Wucht, mit der er in der Halfpipe aufgeschlagen war, war beängstigend gewesen. „Aber der menschliche Körper kann widerstandsfähiger sein, als man denkt.“

Willow schauderte. „Kann ich dich in ein paar Stunden anrufen? Egal wie, ich möchte dich heute Abend noch sehen. Oder morgen, bevor wir wieder abreisen.“

„Auf jeden Fall. Ich muss das Baby nochmal auf dem Arm haben.“ Das wollte sie jetzt noch mehr als zuvor, angesichts des schlimmen Unfalls, den sie gerade miterlebt hatte.

Gott, das Leben war echt kurz. Vielleicht lief es in ihrem doch nicht so schlimm.

***

Es dauerte sogar bis zum nächsten Tag, bis Callie Hank Lazarus‘ Krankenakte in die Hände bekam. Und obwohl sie vierundzwanzig Stunden Zeit gehabt hatte, um zu verarbeiten, was sie gesehen hatte, setzte ihr der erste Anblick von ihm im Krankenbett doch zu.

Blass und aufgeschwemmt von den Infusionsflüssigkeiten lag er vollkommen ruhig da. Seitdem sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war eine achtstündige Wirbelsäulenoperation an ihm durchgeführt worden. Anstelle der Skibrille und der Sportmontur gab es eine neue Art von Ausstattung – Schläuche und Monitore gingen in jeder Richtung von seinem Körper ab.

Obwohl er ruhiggestellt war, hielt Callie den Atem an, als sie das Etikett auf seinem Infusionsbeutel kontrollierte. Während sich seine kräftige Brust hob und senkte, wurde Callie klar, wie eingeschränkt ihr Blick auf die Patienten in der Regel war. Noch nie zuvor hatte sie so eine schockierende Demonstration von „vorher“ und „nachher“ bekommen. Sie traf Patienten Stunden nachdem ihnen etwas zugestoßen war. Aber der aschfahle, gebrochene Mann in Zimmer neunzehn war so ein erschreckender Kontrast zu dem, den sie in der Halfpipe gesehen hatte, dass es weh tat, ihn anzusehen.

Sie zwang sich dazu, noch etwas länger zu bleiben. Obwohl sie sich schämte es zuzugeben, es gab Momente, in denen sie die Menschen in diesen Betten verurteilte. Sie fragte sich zum Beispiel, warum der Patient wohl gedacht hatte, es sei eine gute Idee, die Seilrutsche so nah an den Bäumen runter zu gleiten oder im Regen so schnell Auto zu fahren. Callie hatte immer vorsichtig gelebt und wenn sie die Folgen eines vermeidbaren Unfalls sah, kam es ihr immer wie eine Verschwendung vor.

Aber die Erinnerung an Hank Lazarus, wie er sich mühelos vor dem blauen Himmel hochschraubte, hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Und trotz der Gefahr, wie sie so grausam von der schlafenden Gestalt im Bett belegt wurde, musste sie sich nicht fragen, warum jemand so ein Risiko eingehen würde. Sie hatte die Macht und die Schönheit dessen mit eigenen Augen gesehen.

Unter der Bettdecke atmete er. Ein und aus. Im Moment gab es nichts, was er von ihr brauchte. Und nichts, was sie für ihn hätte tun können.

***

Dane und Willow versuchten Hank zu besuchen, bevor sie zurück nach Utah mussten, aber das erste Mal, als sie vorbei kamen, war er noch im OP. Das zweite Mal schlief er. Da die Olympischen Spiele nur noch Wochen entfernt waren, musste Dane zurück ins Training. „Sagst du ihm liebe Grüße von uns?“, fragte Willow, die erschüttert im Wartezimmer stand.

„Natürlich“, sagte Callie mit der besten Absicht, dies zu tun.

Doch sie sollte nie dazu kommen.

Zunächst einmal schien sich Hank, nachdem Callie ihn endlich bei Bewusstsein sah, nicht mehr an ihr Gesicht zu erinnern. Doch das war nicht besonders überraschend. Sie hatten sich nur für eine Sekunde getroffen und der Verstand vergaß öfters die Ereignisse kurz vor einem Trauma.

Und Hank hatte den ganzen Tag über eine Menge anderer Besucher, die ihn ablenkten. Callie fand heraus, dass seine Eltern anscheinend zur High Society Vermonts gehörten. Sie waren Mitbesitzer des Skigebiets und Hanks Vater hatte die Hälfte der Ferienwohnungen im Landkreis gebaut. Es gab auch noch eine Tochter, eine weitere Sportlerin.

Callie sammelte viele dieser Fakten aus der Lokalzeitung, welche einen Artikel über Hank und seinen Unfall auf der Titelseite brachte. Mit achtzehn Jahren hatte er Vermont verlassen und war in die Rocky Mountains gezogen, wo er einen Job als Tellerwäscher machte, um seine Tickets für den Skilift bezahlen zu können. Er war mindestens genauso berühmt für seine heftigen Partys wie dafür, Wettbewerbe zu gewinnen.

Callie fühlte sich wie eine Stalkerin, während sie all diese Dinge las. Aber da war es, schwarz auf weiß auf dem Tisch des Pausenraums.

Seine silberhaarige Mutter entpuppte sich als wahre Naturgewalt, die von ihrem Stuhl neben Hanks Bett jeder Krankenschwester Befehle zubellte, die den Raum ihres Sohns betrat. Und jedes Mal, wenn Callie Mr. Lazarus im Krankenhausflur entdeckte, war er immer am Telefonieren.

„Sie fliegen Spezialisten ein. Gleich drei“, erzählte ihr Trina, eine Krankenschwester. Das Zimmer der Krankenschwestern war eine weitere exzellente Informationsquelle.

„Das sind ziemlich schwere Geschütze“, sagte Callie.

„Ja, aber die Lazarus Familie kann sich sowas leisten. Sie haben dem Krankenhaus tonnenweise Geld gespendet“, sagte sie und ließ eine Kaugummiblase platzen. „Der Flügel mit der Pädiatrie, der vor zehn Jahren gebaut wurde? Den haben die praktisch alleine bezahlt.“

„Wow, echt? Man sollte meinen, dann wäre ihr Name über dem Eingang oder so.“

Trina zuckte die Schultern. „Die spielen sich eben nicht auf. Mama Lazarus hat diese schicken Schuhe, die kein normaler Mensch in Vermont tragen würde, richtig? Und eine Perlenkette. Aber nichts wirklich Auffälliges.“

Das war Callie auch schon aufgefallen. Selbst in dieser schwierigen Zeit lief seine Mutter in kamelhaarfarbenem Kaschmir und Wildleder im Zimmer auf und ab. Es war teuer, aber nicht protzig.

„Ihre Tochter hat als Kind eine Krebserkrankung überlebt“, fuhr Trina fort. „Das Geld haben sie danach als Dankeschön gespendet.“

„Das ist großzügig.“

„Sicher. Aber sie sind auch anspruchsvoll. Seine Mutter hat mir wie ein Sticker am Arsch geklebt, als ich ihm Blut abgenommen habe. Als ob ich das nicht schon seit dreißig Jahren machen würde.“

„Das ist weil du so jung aussiehst, Trina. Sie hat wahrscheinlich gedacht, es wäre dein erster Tag.“

Die Frau verdrehte die Augen und Callie machte sich auf zu ihrem nächsten Patienten.

***

An Hanks drittem Tag im Krankenhaus tauchte eine neue Besucherin auf. Draußen vor Hanks Zimmer saß ein äußerst hübsches Mädchen und weinte sich die Augen aus. Callie vermutete, dass es sich um Hanks Schwester handelte. Doch einmal mehr hatten die Krankenschwestern den richtigen Klatsch. Die bildschöne Blondine war seine Freundin, eine Slalomfahrerin. Und ein Model. Sie hatte sogar einen glamourösen Namen: Alexis. Ihr einziger Mangel war nur vorübergehend: jedes Mal, wenn Callie einen verstohlenen Blick auf sie warf, hatte sie ausgeheulte Waschbäraugen.

Als Hanks medizinische Koordinatorin ging Callie in seinem Zimmer ein und aus und stellte sicher, dass die Medikamente, die er von verschiedenen Spezialisten verschrieben bekommen hatte, richtig dosiert waren und sich nicht im Konflikt befanden. Sie überprüfte seine Vitalzeichen und untersuchte ihn auf Infektionen. Sie war nur eines in der See von Gesichtern, die sich um ihn kümmerten.

Es dauerte bis zum fünften Tag nach seinem Unfall, dass sie ein echtes Gespräch führten.

Vor der Tür seines Zimmers lieferten seine Eltern sich eine hitzige Diskussion mit einem Wirbelsäulenspezialisten, den sie eilig aus Cleveland herbestellt hatten. Callie huschte an ihnen vorbei und fand Hank vor, wie er gerade aus dem Fenster starrte. Als er den Kopf drehte und den Blick auf sie richtete, konnte sie sehen, dass der nach einer Operation auftretende Medikamentennebel verflogen war. In seinen Augen sah sie einen Mann, der wach in der Welt war, aber furchtbare Schmerzen litt. Es war ihre Aufgabe herauszufinden, ob dieser Schmerz etwas Körperliches war, das sie lindern konnte oder doch die Qual darüber, dass er aufgewacht war und feststellen musste, dass er seine Beine nicht bewegen konnte.

„Hi“, sagte Callie sanft. „Ich bin Doktor Anders. Oder Callie, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Callie.“ Er räusperte sich. „Du kommst mir bekannt vor.“

Sie hatte nicht erwartet, dass er das sagen würde. Es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, ihm zu sagen, dass sie sich zehn Minuten vor seinem Unfall kennengelernt hatten, aber sie konnte sich nicht dazu bringen. Wer würde ihn schon an diesen Nachmittag erinnern wollen? „Ich bin schon die ganze Woche hier“, sagte sie stattdessen. „Aber wir erwarten nicht, dass du dir die Dutzende von Leuten einprägst, die dich den ganzen Tag piesacken.“

„Und die ganze Nacht“, ergänzte er.

Sie setzte sich auf einen Hocker neben seinem Bett. „Das ist meine Schuld. Ich muss sichergehen, dass sie alle drei Stunden deine Vitalwerte überprüfen. Damit ich beruhigt schlafen kann.“ Sie zwinkerte und wurde mit einem halben Lächeln belohnt. „Okay, ganz schnell – bevor der Raum wieder von Krankenschwestern gestürmt wird – wie sind deine Schmerzen? Brauchst du irgendwas?“

Hank hob eine Hand ans Gesicht und Callie war froh, das zu sehen. Wenn seine Verletzung weiter oben an der Wirbelsäule gewesen wäre, wäre er nicht in der Lage gewesen, das zu tun. Während er über ihre Frage nachdachte, rieb sich Hank mit der Handfläche über mehrtägige Bartstoppeln, die nur dazu beitrugen, ihn noch verwegener aussehen zu lassen. „Lass mal überlegen… ich brauche eine riesen Portion Rippchen von Curtis‘ BBQ, mit scharfer Soße und einer Ofenkartoffel. Und ich muss so schnell wie möglich aus diesem Krankenhaus raus.“

Sie nickte pflichtgemäß, obwohl sie keinen dieser Wünsche erfüllen konnte. Aber dass er über Essen und das Verlassen des Krankenhauses redete, waren beides gute Zeichen. „Du wirst bald in eine Reha-Einrichtung verlegt.“

„Ja“, seufzte er. Sein Blick wanderte erneut zum Fenster hinaus.

„In der Reha-Einrichtung lässt man dich die Nächte durchschlafen“, sagte sie, darauf bedacht, einen lockeren Tonfall beizubehalten. „Und du kannst deine eigenen Klamotten tragen. Das Essen soll auch besser sein, hab ich gehört.“

„Könnte auch kaum schlimmer sein“, sagte er und sah Callie wieder an. Seine dunklen Augen bohrten sich in ihre und Callie spürte, wie sich der Moment in die Länge zog und nachwirkte. Still kamen sie beide zu einem Einverständnis zwischen ihnen. Es war egal, ob das Essen besser wurde. Hank Lazarus hatte eine beschissene Zeit vor sich, mit Abstand die beschissenste seines Lebens. Innerhalb von fünf Tagen war er von den höchsten Höhen in die tiefsten Tiefen abgestiegen. Und es gab absolut nichts, was einer von ihnen beiden daran ändern konnte.

„Halte durch“, sagte Callie leise. „Das hier ist gerade der schlimmste Teil.“

Er unterbrach ihr Wettstarren nicht. „Versprochen?“, grollte er mit einer Stimme voller Whisky und Rauch.

Aber Callie bekam keine Chance zu antworten, denn in dem Moment platzten seine Eltern ins Zimmer und redeten wild durcheinander. „Eine vierzigprozentige Chance, dass er wieder läuft, von dem einen Typen, fünfzehn Prozent von dem anderen?“, klagte seine Mutter. „Und diese Leute nennen sich Wissenschaftler?“

„Haben ihn extra den ganzen Weg einfliegen lassen, nur um die gleiche Leier zu hören“, murrte sein Vater.

Callie sah, wie sich Hanks Gesicht verschloss, als seine Eltern näher kamen.

„Das ist doch lächerlich“, sprudelte es aus seinem Vater hervor und er atmete tief ein, um Luft für den nächsten Teil seiner Schimpftirade zu sammeln. Inzwischen begann Hanks Kiefer zu knirschen.

Callie stand auf. „Ich weiß, dass Sie frustriert sind“, meldete sie sich zu Wort und verschränkte die Arme. Hanks Eltern guckten sie an und Callie wusste, was sie sahen: eine junge Ärztin in einem guten, aber ländlichen Krankenhaus. Und sie war nicht einmal eine Spezialistin. Aber sie hatte etwas Wichtiges zu sagen und nichts würde sie davon abhalten. „Sie wollen Antworten und Sie wollen sie sofort. Das kann ich verstehen.“

Hanks Mutter öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Callie schnitt ihr das Wort ab. „Leider funktioniert das Rückenmark so nicht. Das interessiert sich nicht dafür, dass Sie verzweifelt wissen wollen, ob er wieder laufen wird. Es gibt Schwellungen und Quetschungen und sein Körper steht noch unter Schock. Es ist nicht die Schuld der Spezialisten, dass sie Ihnen nicht sagen können, was Sie wissen wollen. Je eher Sie auf Antworten drängen, desto unpräziser werden diese sein, okay? Hank braucht Zeit und wir alle brauchen Ihre Geduld. Es wird vielleicht ein Jahr dauern, bevor Sie Antworten haben, und kein Spezialist und kein Geld der Welt kann das ändern.“

Callie brach ihre Tirade ab und atmete tief durch. Gott, den letzten Teil hätte sie sich wirklich schenken sollen. Erwähne reichen Leuten gegenüber nie das Thema Geld. Sie erwartete, dass Hanks Eltern sie anschreien würden. Aber das taten sie nicht. Hanks Mutter sah sie nur traurig an und blinzelte schnell, um Tränen zurückzuhalten, und sein Vater legte beschützend die Arme um sie.

„Tut mir leid“, flüsterte sie in die Stille. „Entschuldigen Sie mich bitte.“ Callie ging ein paar Schritte auf die Tür zu. Auf ihrem Weg nach draußen drehte sie sich nochmal um, um Hank anzusehen. Zu ihrer Überraschung zwinkerte er ihr zu.

Callie ging nach draußen und fragte sich die nächsten Stunden, ob sie wohl eine Rüge dafür erhalten würde, dass sie der Lazarus Familie die Meinung gegeigt hatte. Aber sie wurde nie von einem Vorgesetzten darauf angesprochen.


VIELEN DANK, DASS IHR EINES VON SARINAS DEUTSCHEN BÜCHERN GELESEN HABT. FALLS IHR ÜBER NEUE BÜCHER ODER RABATTAKTIONEN AUF DEM LAUFENDEN BLEIBEN WOLLT, KÖNNT IHR EUCH GERNE FÜR IHREN NEWSLETTER ANMELDEN.

Vorname & Nachname
Vorname & Nachname

SARINAS DEUTSCHE BÜCHER: